MALI

Gefängnis oder Rückkehr

Amoya Dassie: Mali – Libyen – Mali

An die Zeit im Gefängnis in Libyen erinnert sich Amoya Dassie* sehr genau. Sie erzählt von vergammeltem Essen, der Angst ihrer beiden Kinder und den vielen Frauen, die so eng zusammengepfercht waren. Als sie die Chance bekam, Libyen zu verlassen und über einen offiziellen Weg nach Mali zurückzukehren, zögerte sie nicht. „Ich bin nicht freiwillig nach Mali zurückgekehrt. Es war für mich und meine Kinder der einzige Weg aus dem Gefängnis.“

Ein guter Anfang

Amoya kommt ursprünglich von der Elfenbeinküste, lebte aber lange in Mali, wo sie auch ihren Mann Ibrahim kennenlernte. 2011 folgt sie ihm nach Tripolis. Auch sie will dort Arbeit finden und ihre Zukunft in die eigenen Hände nehmen. In Libyen leben viele Westafrikaner:innen, aber es ist schwierig, an Lebensmittel aus Westafrika zu kommen. Deshalb kauft und verkauft Amoya Erdnussbutter, Palmöl und Gewürze. Daneben putzt sie die Wohnungen der libyschen Mittelklasse. Und sie bringt zwei Kinder zur Welt.

Ihr Mann Ibrahim sei klug, erzählt sie. Der Geschäftsmann kauft und verkauft Kleidung und Schuhe für Kinder in Tripolis. Außerdem bringt er die Kinder aus der Nachbarschaft in die Schule und holt sie nach Schulschluss wieder ab „Das war in Ordnung, wir haben uns so durchgeschlagen“, erinnert sich Amoya. Doch dann stirbt Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi und vieles verändert sich: Der Alltag sei unsicher geworden, in weiten Teilen des Landes herrsche Unruhe, Polizei und Milizen seien gewaltbereit.

In Haft, wegen nichts

Eines Nachts stürmen Polizeieinheiten die kleine Wohnung der Familie in Tripolis. Amoya versteht nicht sofort, worum es geht. Die Polizisten werfen Ibrahim Drogenhandel vor. Zwar stellt sich bald heraus, dass eine Verwechslung vorliegt. Aber schon einen Monat später kommen die Polizisten plötzlich zurück. Sie nehmen sich, was Wert hat. Wieder wird Ibrahim des Drogenhandels beschuldigt. Die ganze Familie samt den beiden Kindern kommt in eine Art Gefängnis, Amoya nennt es ein Foltergebäude. Eine Woche lang versucht die Polizei, Informationen aus Ibrahim herauszuprügeln. Täglich hören Amoya und die Kinder seine Schreie. Die Polizisten fordern Geld. Doch sie haben nicht genug und so wird die gesamte Familie in ein anderes Gefängnis gebracht.

Die malische Botschaft, der Ibrahim als Geschäftsmann bekannt ist, schaltet sich ein. Dennoch bleibt die Familie vorerst in Haft. Wenige Male seien Mitarbeiter:innen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gekommen und hätten Seife oder Medikamente an Kranke verteilt. Mehr Hilfe habe es nicht gegeben, auch keinen Zugang zu einem Telefon. Etwa einmal im Monat können Amoya und die Kinder Ibrahim sehen, der im Männertrakt untergebracht ist.

Nach Monaten meldet sich endlich die malische Botschaft und teilt mit, dass sie nicht in Prozesse der libyschen Polizei eingreifen könne. Helfen könne sie allein durch die Ausstellung eines Laissez passé, eines Dokuments zum einmaligen Grenzübertritt. Damit wäre eine Rückführung nach Mali möglich. Amoya akzeptiert sofort. Ende 2017 werden Amoya und ihre Familie mit Unterstützung der IOM nach Mali gebracht. Bei der Ankunft in Bamako erhalten sie 52.000 FCFA (ca. 80 Euro) Taschengeld.

Die IOM teilt ihnen außerdem mit, dass sie innerhalb der nächsten drei Monate einen Antrag einreichen und eine Geschäftsidee präsentieren kann. Allerdings nur, wenn sie zusichert, in Mali zu bleiben und nicht wieder nach Libyen oder nach Europa aufzubrechen. „Wir entschieden uns zu bleiben und beantragten Unterstützung bei der IOM zur Eröffnung eines Lebensmittelgeschäfts am Rande von Bamako. Doch wir gerieten schnell nach unserer Ankunft unter Druck. Denn wenn du zurückkommst, wollen alle Freund:innen und Bekannte Geld von dir.“

Langes Warten und falsche Hilfe

Um ihren Antrag durchzusetzen, fahren Amoya und Ibrahim ein Jahr lang immer wieder zum IOM Büro. Schließlich müssen sie sich Geld von Freund:innen für Miete, Schulgeld und die Busfahrten leihen. „All die Versprechen der IOM und keine Antworten auf unsere Fragen. Die Schläge im Gefängnis haben meinen Mann extrem traumatisiert. Das merkten wir im Alltag.“Trotz allemlassen sie sich nicht von ihren Plänen abbringen. Ein Jahr nach ihrer Ankunft in Mali erhalten sie endlich die versprochene Unterstützung der IOM für ihr Business Projekt. Es gibt jedoch kein Geld, stattdessen werden Lebensmittel geliefert, zum Teil ist das Verfallsdatum bereits abgelaufen. Die Unterstützung der IOM ist weder geeignet noch ausreichend, um ein Ladengeschäft zu entwickeln.

Hinzu kam die hohe Verschuldung, die in dem Wartejahr entstanden sind. Nachdem Ibrahim das Geschäft eröffnet hat, wollen alle ihr Geld zurück. Hinzu kommt, dass sowohl Amoya als auch ihr ältester Sohn krank werden. In ihren Nöten findet die Familien Hilfe bei der zivilgesellschaftliche Organisation Association Malienne des Expulsés (AME), die sich für die Rechte von mittellosen Rückkehrer:innen einsetzt. Dank ihrer Unterstützung können Amoya und Ibrahim offene Arztrechnungen begleichen. Doch die Mittel der AME reichen nicht, um eine Perspektive aufzubauen. Wie also weiter? „Ich bin jung und werde alles versuchen, um für meine Kinder etwas Geld zu verdienen“, sagt Amoya. „Ich wünsche mir sehr, dass sie eine gute Ausbildung und einmal eine Arbeit finden werden.“

* Namen von der Redaktion geändert.